Schulsachen / Tagtägliches im Schuljahr

Digitale Bildung: Jetzt MACHEN statt reden!

Volker Kauder auf "Bildung 2.0 - Digitale Bildung neu denken"

Volker Kauder auf „Bildung 2.0 – Digitale Bildung neu denken“


Heute luden die beiden politischen Größen nach Berlin zu zwei Bildungsgipfeln. Politik, Verwaltung, Schule, Wirtschaft und Interessierte diskutierten sowohl bei der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Reichstagsgebäude als auch bei der SPD-Bundestagsfraktion im Paul-Löbe-Haus über die digitale Bildung heute und morgen. Leider waren beide Veranstaltungen so „geschickt“ überlappend terminiert, dass ich nicht beide komplett besuchen konnte, sondern jeweils nur ca. 3/4 pro Veranstaltung mit bekommen habe. Beide Fraktionen wollen aktuell offensichtlich im Bildungsbereich etwas bewegen, auch wenn die Umsetzungswege freilich deutlich anders sind und auch in meinen Augen an vielen Stellen (immer noch) viel zu viel geredet statt gehandelt wird. Doch nun zu meinen Eindrücken:

Volker Kauder (CDU): Digitale Bildung muss Kreativität fördern!

Unter dem Namen Kongress Bildung 2.0 – Digitale Bildung neu denken lud die CDU/CSU-Bundestagsfraktion in den Reichstag. Zu Beginn hielt der Fraktionsvorsitzende Volker Kauder eine launige, wie gute Rede und ein Plädoyer für das Lernen lernen. Gerade im digitalen Zeitalter gehe es gerade nicht darum, viele Details und die bloße Technik zu *er*lernen, sondern vielmehr zu unterrichten, wie man richtig mit Technik und den neuen digitalen Hilfsmitteln umgehe und das Interesse dafür zu wecken, mit Handy und Smartphone mehr als nur Facebook und Spiele zu entdecken.

Zentral für unsere Gesellschaft sei, laut Kauder, die Kreativität der Menschen als Ganzes und im wirtschaftlichen Kontext (da kommt der Schwabe in ihm durch 😉 ) zu wecken, zu erhalten und auszubauen. Folglich muss auch die Kreativität und das gestalterische Element bei der digitalen Bildung erhalten bleiben. Digitale Bildung darf laut Kauder gerade nicht nur in technischen Termini, Formeln und Code gedacht und gelehrt werden, sondern muss vielmehr in vielfältiger Art und Weise in Anwendungen und konkreten Nutzungen ausprobiert und gelebt werden.

Zum Abschluss äußerte sich Kauder kurz persönlich zu seiner privaten Sicht zur Informations- und Kommunikationstechnik: „Ich bin äußerst fasziniert von neuer Technik, weil sie Unabhängigkeit gibt.“ Aber sie sei auch Fluch und Segen zugleich. Danach berichtete er von einem kleinen Ort in seinem Wahlkreis Rottweil-Tuttlingen, an dem es auch heute noch ein komplettes Mobilfunkloch gebe.

„Ich genieße jedes Mal die zwei oder drei Stunden absolute Ruhe im Funkloch. Danach kommt dann aber garantiert die SMS: ‚Volker, wo warst Du?‘ – von Angela Merkel.“

Deutschland riskiert die „Bildungs-Champions-League“

Im weiteren Verlauf der Veranstaltung im CDU/CSU-Fraktionssaal im Reichstagsgebäude diskutierten Experten Ihre Sicht der digitalen Bildung in Deutschland: Prof. Dr. Eickelmann zitierte aus der aktuellen ICILS-Studie, wonach Deutschland bei wesentlichen Bildungsaspekten, vor allem im Bereich der Wissensanwendung und beim Wissenstransfer, nur noch einen Platz im (hinteren) Mittelfeld einnehme. Aktuell führend sind dabei aktuell Tschechien, Länder aus Nordeuropa sowie Kanada und Australien. Deutschland verspiele die bislang gute Bildungsposition sowohl am unteren als auch am oberen Ende der Skala: Aktuell beherrschen 30 Prozent der Kinder gerade noch minimalste PC-Aufgaben wie das Aufrufen einer Internetseite, Verfassen einer E-Mail oder das Abspeichern einer Datei! Aber auch nur 1,5 Prozent der Kinder bestehen das höchste Untersuchungslevel. Es erfolgt also auch keine (häufig immer noch behauptete) Begabten- und Hochbegabtenförderung!

Die IT-Ausstattung an deutschen Schulen ist immer noch auf dem Niveau von 2006, nämlich bei einem Verhältnis von 1 PC auf 11,5 Schüler. Zudem fehle es an Wartung und Service, die PCs seien veraltet und funktionieren häufig nicht. Lehrer, Schulleitung, Eltern und Schüler sind folglich extrem unzufrieden, so dass es (leider) wenig verwundert, dass Frau Eickelmann zu folgendem, erschreckenden Zitat kommt:

„Es gibt kein Land auf der Welt, in dem Lehrer zurückhaltender neue Technologien im Unterrichtsalltag einsetzen als in Deutschland!“

Frau Eickelmann will dies übrigens nicht als allgemeine (und einfache) Lehrerschelte verstanden wissen, sondern dies sei in ihren Augen vielmehr das traurige Ergebnis mangelnder Ausstattung und Unterstützung.

Dr. Pallack, Lehrer aus Arnsberg: „Nutzt das Hosentaschen-Potential endlich!“

Berlin, Reichstagskuppel

Berlin, Reichstagskuppel

In einem viel beachteten Praxisbeitrag berichtet Dr. Andreas Pallack, Lehrer und Schulleiter in Arnsberg, wie er an seiner Schule digitale Medien als selbstverständlichen Unterstützer in den Unterrichtsalltag eingeführt hat. Zu allererst müsse ein radikales Umdenken einsetzen und man die Diskussion über Hardware und Technik beenden, sondern alle Energie in die Umsetzung stecken. Wie sollen digitale Medien und Handys, Tablets und Notebooks im Unterricht genutzt werden, wie wollen Lehrer mit den Geräten den Unterricht anreichern? Schnell stelle man laut Pallack fest, dass dies viel billiger als gedacht zu realisieren sei und es den Unterricht auf vielfältige Art und Weise bereichert. Auch das vielerorten zu hörende Vorurteil, dass IT der Handschrift und bisherigen Basisqualifikationen der Schüler schade, widerlegte er eindrucksvoll: Werden Hausaufgaben, Mitschriften oder Projektarbeiten der Schüler und Schülerinnen z.B. per Handykamera digitalisiert und weiter in den Unterrichtsalltag eingebunden, so verbessere sich gerade das Schriftbild und die Ernsthaftigkeit, mit der die Arbeiten angefertigt werden, deutlich.

Zum Ende brach Pallack noch eine Lanze für das „Hosentaschen-Potential“ an deutschen Schulen. 98 Prozent der Kinder besitzen eigene Smartphones oder Tablets. Wer diese zulasse und nicht aus der Schule verbanne, verfüge über ein unglaubliches Potential im Klassenzimmer, den Unterricht zeitgemäß zu gestalten und den Kindern ganz neue Einblicke zu schenken, wie Smartphones und Tablets neben sozialen Netzwerken und Spielen noch genutzt werden können.

„Handy-Verbote an deutschen Schulen gehören verboten“!

In die gleiche Kerbe sprang Richard Heinen von der Universität Duisburg-Essen auf der Fachtagung „Bildung in einer digitalisierten Welt“ der SPD-Bundestagsfraktion, die unmittelbar neben der Veranstaltung des Regierungspartners im Paul-Löbe-Haus stattfand. Er fand diese deutlichen Worte:

„Handy-Verbote an deutschen Schulen gehören verboten!“

IT und digitale Bildung sei laut Heinen zudem keine Zusatzaufgabe, die in der Schule auch noch gelernt werden müsse, sondern vielmehr ein Mittel und ein Werkzeug zum Arbeiten und Lernen. In diesem Sinne erleichtere sie am Ende sogar den Alltag der Lehrer, aber auch den der Schüler, weil eben nicht mehr lange Inhaltslisten gepaukt werden müssen („Google und das Netz hat eh alle Inhalte und ist immer besser als der Mensch“), sondern spannende Anwendungen und Szenarien damit gestaltet werden könnten. Zur Unterstützung dieses Wandels gelte es laut Heinen Vorbehalte und Ängste bei allen Betroffenen abzubauen, die im Übrigen keine Frage des Alters seien. Die Verwendung neuer Kommunikationstechniken im Unterrichtsalltag scheitere bei jungen Lehrern ähnlich häufig wie bei älteren Kollegen. Vielmehr gelte es, positive Beispiele zu stärken und mehr Vernetzung und kooperative Elemente in die Lehreraus- und -fortbildung zu integrieren, so dass sich die positiven Beispiele schneller herumsprechen.

SPD spricht sich für verpflichtendes Fach Informatik aus

SPD-Fachtagung: "Bildung in einer digitalisierten Welt"

SPD-Fachtagung: „Bildung in einer digitalisierten Welt“


Die Berichterstatterin der SPD-Bundestagsfraktion für digitale Bildung Saskia Esken, und Mitorganisatorin der heutigen Veranstaltung der SPD, forderte in ihrer Ansprache Informatik zum Pflichtfach in allen Schulen in Deutschland, egal welcher Schulform, einzuführen. Auch in der Lehreraus- und -fortbildung müsse Informatik und Medienbildung zwingender Bestandteil sein. Hier gelte es, lieber gestern als heute grundlegende Änderungen am Bildungssystem vorzunehmen und das heute häufig mangelnde technische Verständnis und die fehlende Vorliebe für technische Zusammenhänge zu fordern und zu fördern.

Esken und die SPD gehen in ihrem Vorschlag aber noch weiter: Medienbildung müsse bereits in Kita und Grundschule beginnen, so soll Medienpädagogik schon bei der Erzieher- und Erzieherinnen-Ausbildung für Kita und Kindergarten ein verpflichtender Teil der Aus- und Fortbildung werden. Gerade dieser Teil war später Bestandteil einer kritischen Diskussion der Teilnehmer, bei der häufig die Stimmen kamen, hier eher Anreize für Eltern und außerschulische Betreuer zu setzen, einen verantwortlichen Einsatz digitaler Medien anzuleiten.

Meine persönliche Meinung: Weniger Reden, mehr Mut und Machen und mehr GELD!

Beide Veranstaltungen gaben einen sehr guten Überblick über die Situation im deutschen Bildungsmarkt und (leider) auch, dass im zukunftswichtigen Bereich Bildung viele Politiker- und Interessengruppen „ihr Süppchen kochen.“ Leider wird noch immer viel, viel geredet, obwohl eigentlich jeder klar äußert, dass es Zeit ist, endlich zu handeln. Es geht gerade jetzt darum, nicht wieder die identischen Ergebnisse wie 1998 und 2006 und jetzt 2015 festzustellen, dann etwas zu beschließen, aber nichts zu verändern. Positiv waren die zahlreichen Beispiele aus Schulen vor Ort und von Lehrern, die konkret das Heft des Handelns in die Hand genommen haben und zusammen mit Schülern und Schülerinnen tolle ITK-Arbeiten erstellt haben bzw. mittlerweile ITK selbstverständlich im Unterrichtsalltag einsetzen. Chapeau!

Also: Bitte mehr davon! Mehr handeln, mehr Austausch, mehr machen! Davon profitieren in erster Linie unsere Kinder, am Ende aber auch wir alle! Und an die Politik: Schafft den Rahmen und gebt das Geld dorthin, so dass sich mehr Lehrer trauen und mehr Leuchttürme leuchten!

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